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Jesuit mit zwei Gesichtern
Kardinal Jorge Bergoglio hatte schon 2005 gute Chancen auf den Stuhl Petri

Papst Franziskus (Quelle: dpa)
Er gilt als konservativ in Fragen der kirchlichen Morallehre. Doch damit ist über Jorge Mario Kardinal Bergoglio, den Erzbischof von Buenos Aires, bei weitem nicht alles gesagt. Wer die andere Seite des 76-jährigen Papstes Franzikus I., dem ersten Oberhaupt der katholischen Kirche aus Lateinamerika, kennenlernen will, der muss den Blick auf die untersten Etagen der argentinischen Gesellschaft richten.
Dorthin, wo auch nach zehn Jahren Wirtschaftsboom noch immer hunderttausende Menschen davon leben, nachts den Müll auf den Straßen der Großstädte nach Verwertbarem zu durchsuchen, oder sich unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in versteckten Textilmanufakturen verdingen müssen. Bei sozialen Organisationen, die sich um das Elend dieser Menschen kümmern, ist der Erzbischof hoch geachtet. Für Juan Carr, den Gründer der Hilfsorganisation «Red Solidaria» (Netz der Solidarität) ist Bergoglio gar «ein Kandidat für die Heiligsprechung».
In einer Messe im September vergangenen Jahres in Buenos Aires gegen die Sklavenarbeit in Argentinien fragte Bergoglio: «Wo ist Dein Bruder, der Sklave?.» Und er fügte hinzu: «Wenn Du mich fragst: Pater, was kann ich denn gegen die Mafia tun? Dann sage ich Dir: Bete! Klopf an das Herz Gottes!»
Dabei ist der Jesuit Bergoglio, der bei der vergangenen Papstwahl gegen Joseph Ratzinger unterlag, für seine konservativen Positionen bekannt. Eine Legalisierung der Abtreibung nannte er «bedauerlich». Und als der argentinische Kongress die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe debattierte, sprach der Kardinal von einer «Initiative des Teufels».
Die linksgerichtete argentinische Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner warf ihm daraufhin ein Denken «aus den Zeiten des Mittelalters und der Inquisition» vor. Auch Bergoglios Rolle während der Militärdiktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 ist bis heute strittig. Damals führte er zeitweise den argentinischen Jesuitenorden. Gegner werfen ihm vor, regimekritische Priester den Schergen des Regimes ausgeliefert zu haben. Er selbst beharrt darauf, einige von ihnen persönlich gerettet zu haben.
Der Sohn italienischer Einwanderer wurde Ende 1969 zum Priester geweiht. Später leitete er als Provinzial den Jesuitenorden in Argentinien und wurde anschließend Rektor der Theologischen Fakultät der Universität San Miguel. Nach einem Aufenthalt in Deutschland wurde er 1992 zunächst Weihbischof in Buenos Aires und 1998 Erzbischof. Papst Johannes Paul II. nahm ihn 2001 ins Kardinalskollegium auf. Bis 2011 leitete Bergoglio auch die argentinische Bischofskonferenz.
Schon 2005 galt der Kardinal als aussichtsreicher Bewerber um die Nachfolge des verstorbenen Johannes Paul II. Nach übereinstimmenden Berichten soll Bergoglio im Konklave 40 der nötigen 77 Stimmen erhalten haben.
Bergoglio kommt zugute, dass er Reformer und Traditionalisten gleichermaßen vertritt. Der Kardinal ist weit davon entfernt, ein Anhänger der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu sein. Aber sein soziales Engagement - oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Medien und der breiten Öffentlichkeit - bringt ihm Anhänger, die man bei einem konservativen Bischof nicht unbedingt vermuten würde.
Oft unterstützte Bergoglio soziale Organisationen, die sich politisch weit links von der Regierung Kirchner engagieren - etwa die «Bewegung der ausgeschlossenen Arbeiter» MTE, die Müllsammler in Genossenschaften vereint, oder die Stiftung La Alameda, die für die Rechte versklavter Textil- und Landarbeiter kämpft.
«Wir haben es mit immer mächtigeren Gegnern zu tun, daher brauchen wir Unterstützung und Hilfe», sagt La-Alameda-Präsident Gustavo Vera. «Und uns scheint, dass die Kirche sich um diese Themen schon seit langem kümmert.» Es war der bekennende Marxist Vera, der die Messe gegen die Sklavenarbeit zusammen mit dem Kardinal organisierte. So einen Vermittler sah die katholische Kirche wohl selten auf dem Papststuhl.
Von Stefan Biskamp
